Als der Fisch Jona ans Land speit, kann der Prophet seinem Auf-trag nicht länger ausweichen. Er macht sich auf nach Ninive und verkündet der Stadt ihren Untergang. Seine Predigt erschüttert und führt zur Umkehr: Mensch und Tier hüllen sich in Sack und Asche und tun Busse (Jon 3).
Selbst der König steigt vom Thron, setzt sich in den Staub. Gottes Zorn weicht dem Erbarmen – und Ninive wird vor dem Untergang bewahrt.
Die Rache Gottes
Zürich, Herbst 1571: Missernte, Hungersnot, rasante Teuerung, soziale Unruhen und Furcht vor kriegerischen Übergriffen. Wie einst der Prophet Jona tritt Heinrich Bullinger vor den Kleinen Rat. Bei all dem Elend im Land handle es sich um «eine offenkundige Rache und Strafe Gottes», mahnt er. «Davor haben wir euch und die ganze Bürgerschaft lange Zeit in unseren Predigten gewarnt, doch leider hat es wenig gefruchtet.» Rettung sei noch möglich, wenn man Gottes Rat von nun an folge. Ein öffentliches Bussgebet soll Gottes Zorn besänftigen, appelliert er.
Und die Lebensführung müsse sich ändern: Nicht nur die Armen würden sich der Trunksucht hingeben, auch in der Ratsstube werde so viel geschlemmt wie nie zuvor. Mit Nachdruck sei gegen die Kornspekulanten vorzugehen, «die wahrhaftigen Werwölfe in der Gemeinschaft». Doch nicht alles lasse sich allein mit den Mitteln des Marktes und des Handels wieder richten.
Es kommt der Tag
Die Not gelte es «ernsthaft zu Herzen zu nehmen und pflichtgemäss zu helfen und Rat zu geben, wie es Landesvätern wohl ansteht. Denn es kommt der Tag, an dem Gott das Blut der Untertanen, die uns anvertraut sind, von uns fordert.»
Der Rat folgt Bullingers Appell und ordnet am 19. September 1571 einen wöchentlichen Sondergottesdienst an, in dessen Zentrum das von ihm formulierte Gemeinschaftsgebet steht. Es verbreitet sich rasch über Zürich hinaus und wird zu einem wichtigen Impuls für den Jahrhunderte später vom Staat angeordneten, überkonfessionellen Dank-, Buss- und Bettag.
Verschont und dankbar
Anders als zu Bullingers Zeiten leben wir heute in der Schweiz in Sicherheit. Hungersnöte und Kriege sind fern. In anderen Teilen der Welt bebt die Erde unter Bomben, Millionen Menschen wissen nicht, wie sie zu ihrer nächsten Mahlzeit kommen. Dieser Gegensatz verpflichtet zu Dankbarkeit und Verantwortung. Ein gesellschaftliches Miteinander ohne soziale Gerechtigkeit ist eine Illusion.
